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Das Bild zeigt einen Arbeitschutzhelm. Dieser steht sinnbildlich für das Thema Arbeitssicherheitskultur.

Warum Regelabweichungen funktional sein können

Ausgangslage und Auftrag itstime

Der konkrete Anlass für die Beauftragung von itstime war eine Zunahme von Arbeitsunfällen in der Produktion eines Unternehmens aus der Chemie- und Pharmabranche. Der Personalbereich stellte fest, dass Arbeitssicherheitsmaßnahmen im Alltag flexibel ausgelegt wurden und dass klassische Präventionsansätze bislang keine Wirkung zeigten.

Intern wurde das Thema zunächst als Kultur- und Bewusstseinsproblem gerahmt und man versuchte durch Schulungen entgegenzusteuern. Gleichzeitig war bekannt, dass Arbeitsunfälle zu Produktionsunterbrechungen führen und damit unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben.

Beauftragt wurde itstime von der Geschäftsleitung gemeinsam mit HR und HSE (Health-Envronement-Safety) mit dem Ziel, diese sensible und scheinbar verfahrene Situation zu analysieren und einen wirksamen Ansatz für das Thema Arbeitssicherheit zu entwickeln.

Zentrale Spannungsfelder

Im Zentrum des Projektes stand ein grundlegendes Spannungsfeld zwischen Arbeitssicherheit und Produktivität. Arbeitsschutzmaßnahmen sind zeitintensiv und wirken sich unmittelbar auf Produktionsgeschwindigkeit und Stückzahlen aus. Gleichzeitig werden Mitarbeitende in der Produktion primär an ihrer Leistung und Produktivität gemessen.

Diese widersprüchlichen Erwartungen führten dazu, dass Sicherheitsregeln im Arbeitsalltag situativ angepasst oder umgangen wurden. Diese Praxis war den Beteiligten nicht verborgen, sondern wurde lokal geduldet – auch durch Führungskräfte in der Produktion. Regelabweichungen erfüllten damit eine funktionale Rolle: Sie ermöglichten es, die Produktionsziele trotz hoher Anforderungen aufrechtzuerhalten.

Unser Vorgehen

Ausgangspunkt unserer Beratung war eine tiefgreifende Analyse in der Produktion. Ziel war es, die relevanten Entscheidungsprozesse zu verstehen und sichtbar zu machen, unter welchen Bedingungen Arbeitssicherheitsmaßnahmen im Alltag unter Druck geraten und warum das Verhalten funktional sein könnte.

Die Analyse zeigte, dass Regelabweichungen nicht aus Nachlässigkeit oder Ignoranz entstanden, sondern aus der Kopplung von Erfolgserwartung und Produktivitätskennzahlen. In diesem Sinne handelten die Mitarbeitenden im besten Sinne für die Organisation, verbunden mit erheblichen Risiken. Auf dieser Grundlage wurde bewusst auf klassische Schulungsformate verzichtet. Stattdessen wurden sehr kleine, klar gerahmte Diskursräume geschaffen, zunächst auf Ebene der Geschäftsführung, anschließend mit ausgewählten Führungskräften aus Produktion und HSE. Ziel war es, das Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Produktivität und Haftung schrittweise besprechbar zu machen, Schuldzuweisungen zu vermeiden und Handlungsspielräume zu identifizieren.

Ergebnisse

Durch den Prozess wurde sichtbar, dass Mitarbeitende mit der Umgehung von Sicherheitsregeln nicht gegen die Organisation handelten, sondern versuchten, deren Leistungsfähigkeit zu sichern. Diese Neubewertung veränderte den Dialog grundlegend.

Anstelle weiterer Sensibilisierungsmaßnahmen wurde entschieden, strukturelle Lösungen zu prüfen, die Mitarbeitende aus dem beschriebenen Spannungsfeld entlasten. Arbeitssicherheit wurde als Teil der Erfolgserwartung thematisiert und nicht als Zusatzanforderung. Gleichzeitig wurde der Umgang mit möglichen Produktivitätseinbußen explizit diskutiert und in dafür extra vorgesehenen Entscheidungsräumen eingebettet.

Der Fokus verlagerte sich damit von individuellem Verhalten der Mitarbeitenden auf organisationale Rahmenbedingungen und Entscheidungslogiken

Learnings und theoretische Einordnung

Der Fall zeigt, dass Sicherheitsprobleme in Organisationen häufig nicht auf fehlendes Bewusstsein zurückzuführen sind, sondern auf widersprüchliche strukturelle Erwartungen. Regelabweichungen können in solchen Kontexten eine funktionale Anpassung darstellen, solange Sicherheit nicht als Teil der Leistungserwartung verankert ist.

Arbeitssicherheitskultur entsteht nicht durch Appelle oder Schulungen, sondern durch die bewusste Bearbeitung organisationaler Spannungsfelder. Erst wenn Sicherheit, Produktivität und Verantwortung gemeinsam betrachtet werden, wird nachhaltige Veränderung möglich.