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Über die menschliche Seite der Digitalisierung

Für eine gelingende digitale Transformation braucht es eine erhöhte Aufmerksamkeit für die soziale „Infrastruktur“.

Kennen Sie Folgendes? In Ihrer Organisation beschäftigen sich gerade viele Menschen mit Digitalisierung und auch in Ihrem privaten Umfeld wird oft darüber gesprochen. Doch irgendetwas fehlt, das Thema wirkt so groß und unüberschaubar?

Eine Positionierung gleich zu Beginn: Ja, das ist nicht der erste Artikel zum Thema Digitalisierung bzw. Transformation. Oft sehen wir bei Organisationen, eine nach wie vor starke Fokussierung auf Digitalisierung im Sinne neuer IT (-Prozesse) und rein neuer Tools und Methoden. Doch dies ist eigentlich erst die Vorstufe, denn was (die meisten) Organisationen anschließend brauchen, ist eine (digitale) Transformation der sozialen Organisation um zukunfts- und arbeitsfähig zu bleiben. Und darin liegt die Herausforderung, die das Thema so unübersichtlich werden lässt. Denn mit sozialen Prozessen (im Sinne der Veränderung sozialer Beziehungen und Interaktionen) zwischen Menschen kommt Komplexität ins Spiel. Oder wie die Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) zum Thema Digitalisierung meint, „dass in Unternehmen, die sich zunehmend digitalisieren, die Anforderungen an Planung und Organisationsfähigkeit ebenso steigen wie jene an Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit“ (GEW 2018).

Die Organisation sozialer Prozesse.

Laut der aktuellen Studie People Management 2025 von PWC und der Universität St. Gallen sollten in wenigen Jahren „Management und Mitarbeiter grundlegend neue Fähigkeiten beherrschen“ da „das Personalmanagement der Zukunft deutlich mehr als das klassische HRM leisten“ muss (HRM = Human Ressource Management). Insbesondere in den Bereichen Kulturentwicklung sowie Transformations- und Change-Management sehen die Autoren und Autorinnen Entwicklungspotential. Dieser Gap wird auch durch andere Studien unterstützt, wie z.B. die jährlich veröffentlichten Deloitte Human Capital Trends für 2019 zeigen, worin die wachsende Bedeutung der Organisation sozialer Prozesse in Organisationen betont wird (Deloitte 2019). Als Organisationsentwickler sind wir dankbar für diese Richtungen und Denkanstöße, denn dadurch erleichtert sich unsere Arbeit.

Wir unterstützen die These, dass im Zuge der (nicht nur digitalen) Transformation vermehrt personalgetriebene Organisationen entstehen werden. Unsere mittelständischen Kunden zeigen es gerade besonders. Einige von ihnen bauen momentan erste HR-Abteilungen auf, die u.a. mit den Zielen Personal- und Organisationsentwicklung betraut werden.

Und hier liegt die besondere Chance von HR, die Digitalisierung als ganzheitlichen Transformationsprozess anzugehen und Antworten auf u.a. folgende Fragen zu liefern:

  • Wie interagieren bzw. kommunizieren Mitarbeitende in meiner Organisation miteinander; heute und in einer digitalen Zukunft?
  • Was brauchen diese als Mensch, um sich sicher und wohl zu fühlen und einen sozialen Sinn zu finden?
  • Passen die Strukturen auch dann noch wenn ich neue, konkrete (z.B. agile) Arbeitsweisen einführe?

Hierbei gilt es berechtigte Bedenken und Ängste der Führungsetage einzubinden und aufzulösen. Da Organisationen (bzw. soziale Systeme) nicht trivial sind, helfen auch keine allgemeinen Rezepte.

Um sich dem sozialen Prozess hinter der Digitalisierung anzunähern, hilft es vielleicht die verschiedenen Aspekte digitaler Transformation anzuschauen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die folgende (nicht vollständige) Darstellung in Anlehnung an die sichtbaren und nicht sichtbaren Teile des Eisberges ist daher bewusst gewählt.

Digitale Welt

Meint aus unserer Sicht rein die Einführung neuer IT-Infrastruktur (bei künstlicher Intelligenz verschwimmen dann die Grenzen), die Digitalisierung analoger Arbeitsprozesse nach sich zieht. Also eher die Grundvoraussetzung für digitale Transformation. Allein die Möglichkeit 24h stündiger Erreichbarkeit (durch welches Gerät auch immer) verweist auch sofort auf Mensch und Mitarbeitenden, also auf uns Alle und berührt damit die analoge Welt.

Analoge Welt

Hier kommt sofort der Mensch ins Spiel, der mit der Digitalisierung umgeht und in komplexeren Zusammenhängen denken soll. Dazu gehören sogenanntes agiles Mindset und Methodenset (was einen eigenen Artikel bräuchte), neue spontane Fähigkeiten in der Teamarbeit und gruppendynamische Grundfertigkeiten. Entscheidungsprozesse werden anders geführt, bisher geltende Regeln der Zusammenarbeit neu ausgehandelt.

Vernetzte Welt

Was die vernetzte Welt meint sind neue, komplexe Kommunikationsstrukturen die alte Strukturen (und Rollen + Funktionen) möglicherweise oft ad absurdum führen werden. Oder ganz einfach ausgesprochen, wenn Alle agil und hocheffizient arbeiten, welche neue Rolle nimmt dann die in der Hierarchie oben stehende Führungskraft ein? Und damit meinen wir nicht die Abschaffung der Hierarchie, sondern die sinnstiftende neue gemeinsame Findung.

Auch vor 10 Jahren hatte prinzipiell jede Mitarbeitende die Möglichkeit, eine E-Mail an jede Person innerhalb derselben Organisation zu senden. Das Organigramm einer Organisation hat jedoch zumeist geregelt, wie kommuniziert wird und wie nicht (unbedingt). Doch was ist, wenn dieses Organigramm aufgrund eingeführter Kommunikations- und Kollaborationstools in seiner Funktion nicht mehr funktioniert? Das klingt nach einem beinahe linear anmutenden Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Ethik, Veränderungsdruck auf die Hierarchie und damit letztlich auch New-Work Themen.

Fokus auf den Menschen- Chance für HR?

Und da sich hier weitere Artikel anschließen dürften, fassen wir zusammen: Die sozialen Prozesse in einer Organisation müssen organisiert und mitgedacht werden und haben die entscheidende Bedeutung für das Gelingen digitaler Transformation von Organisationen. Und das gilt so lang Menschen damit in Berührung kommen und frei nach Luhmann, den Zweck der Organisation durch Kommunikation aufrechterhalten.

Quellen:

Deloitte 2019: Leading the social enterprise-Reinvent with a human focus, Human Capital Trends 2019

PWC 2019: Heike Bruch, Till R. Lohmann, Julian Szlang und Gabriel Heißenberg, People-Management 2025 – Zwischen Kultur- und Technologieumbrüchen

GEW 2018 – Gewerkschaft für Bildung und Erziehung, Digitalisierung als sozialer Prozess, Online Artikel 2018